Street Reportage Fotografie     Roman Gruber

- The human image in the street photography -


Generationenfolge – Zwischen Aufbruch und Abschied.

Thinking outside the box



STREET – Vom flüchtigen Augenblick zum gemalten Bild

Nach dem versehentlichen und unwiederbringlichen Verlust meiner bisherigen Street-Fotosammlung wollte ich diesen Bereich zunächst auf möglichst einfachem Weg wieder aufbauen. Unter dem vertrauten Titel „Street“ entstand dabei jedoch etwas, das über den Versuch einer Rekonstruktion hinausgeht: eine Sammlung künstlerisch umgewandelter Straßenfotografien, die mir künftig als Ausgangspunkt für eigene Malerei und Grafik dienen sollen.

Der Verlust bleibt schmerzlich. Mit den Bildern verschwanden auch ihre Titel, ihre Reihenfolge und die bewusst gestalteten Beziehungen untereinander. Eine solche Sammlung lässt sich nicht allein durch das Einsetzen anderer Fotografien wiederherstellen. Was hier nun zu sehen ist, eröffnet deshalb einen weiteren Zugang zu meiner Arbeit.

Die Fotografie ist für mich sowohl eigenständiges Werk als auch ein Medium des Entwurfs. Sie hält eine Begegnung, eine Geste oder eine räumliche Konstellation fest und macht sie für eine spätere künstlerische Auseinandersetzung verfügbar. Im Übergang zur Malerei können sich Gewichtungen verschieben: Eine beiläufige Figur wird zum Mittelpunkt, ein Schatten zur tragenden Form, eine Fassade zum Rhythmus aus Flächen und Linien.

Dieser malerische Blick prägt bereits meine fotografischen Aufnahmen. Ihre Komposition orientiert sich an klassischen Gestaltungsprinzipien wie dem Goldenen Schnitt, am Verhältnis von Licht und Dunkel sowie am Spannungsaufbau zwischen Figuren, Raum und Blickrichtungen. Diese Prinzipien dienen mir als gestalterisches Vokabular, mit dem ich auf das Unvorhersehbare der Straße reagiere. Der Augenblick bringt seine eigene Ordnung mit; meine Aufgabe besteht darin, sie zu erkennen und im Bild wirksam werden zu lassen.

Die hier gezeigten Umwandlungen verstehe ich als Bildstudien. Sie erproben, welche Möglichkeiten in einer fotografischen Beobachtung liegen und wie diese sich mit anderen künstlerischen Mitteln weiterentwickeln lässt. Die spätere Umsetzung in Malerei oder Grafik wird dabei eigene Entscheidungen verlangen – über Material, Farbe, Verdichtung und darüber, was aus dem ursprünglichen Bild bestehen bleiben soll.

So erhält „Street“ für mich eine zusätzliche Bedeutung: Die Straße wird zum Ort der Beobachtung und zugleich zum Ausgangspunkt einer Bildfindung, die über den aufgenommenen Moment hinausreicht. Sie erscheint als gesellschaftlicher Schauplatz, auf dem sich die Befindlichkeiten unserer Gegenwart verdichten. Unterschiedliche Generationen begegnen einander, ihre Lebensweisen, Gewohnheiten und Vorstellungen von Freiheit werden sichtbar. In Gesichtern, Körperhaltungen, Kleidung und Bewegungen zeigen sich Freude und Gelassenheit ebenso wie Erschöpfung, Unsicherheit, Eile und der Druck, ständig irgendwo ankommen zu müssen.

Mich interessiert dabei das Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung. Wer nimmt den öffentlichen Raum noch wahr, wer durchquert ihn nur? Der gesenkte Blick auf das Smartphone lässt eine eigentümliche Gleichzeitigkeit entstehen: körperlich auf der Straße, mit der Aufmerksamkeit jedoch an einem anderen Ort. Menschen gehen aneinander vorbei, während sie sich auf ihren Bildschirmen mit anderen verbinden. Die unmittelbare Welt gerät an den Rand des Blickfeldes. Für meine Fotografie liegt darin eine Frage nach unserer Anwesenheit: Wie gegenwärtig sind wir dort, wo wir uns gerade befinden?

Auch im Umgang mit Bewegung und Geschwindigkeit werden gesellschaftliche Haltungen erkennbar. Rücksichtslos gelenkte Roller und E-Bikes, unvermittelte Richtungswechsel und die selbstverständliche Beanspruchung fremder Wege machen den öffentlichen Raum zum Austragungsort konkurrierender Ansprüche. Wo das eigene Vorankommen alles andere überragt, wird der Mitmensch zum Hindernis. Freiheit verliert dann ihre Verbindung zur Verantwortung und verengt sich auf die Durchsetzung des eigenen Bedürfnisses. Solche Szenen lassen mich fragen, wie viel Gemeinsinn eine Gesellschaft bewahrt, deren Mitglieder zunehmend um Raum, Aufmerksamkeit und Vorrang konkurrieren.

Hinzu kommt die allgegenwärtige Selbstdarstellung. In Anlehnung an die Andy Warhol zugeschriebene Vorstellung von fünfzehn Minuten Ruhm scheint heute jeder Augenblick geeignet, die eigene Sichtbarkeit zu behaupten. Milliarden Menschen produzieren Bilder, Videos und Texte; jede Geste kann zum Auftritt, jedes Erlebnis zum veröffentlichten Beleg des eigenen Lebens werden. Darunter finden sich bedeutende Beobachtungen und eigenständige Arbeiten, zugleich aber eine überwältigende Menge an Belanglosigkeit, Wiederholung und gedanklichem Leerlauf. Mich beschäftigt die Frage, was in dieser Flut überhaupt noch Aufmerksamkeit verdient – und ob der unablässige Wunsch, gesehen zu werden, unsere Fähigkeit schwächt, selbst genau hinzusehen.

Meine Street-Fotografie wird dadurch zu einer visuellen Gesellschaftsstudie. Das einzelne Bild kann die inneren Beweggründe eines Menschen nicht erklären; es kann jedoch eine Haltung, eine Begegnung oder einen Widerspruch sichtbar machen und zur Betrachtung offenhalten. Mich interessieren die charakteristischen Zeichen einer Zeit ebenso wie jene Menschen, die sich ihren Erwartungen entziehen: ein unverstelltes Lachen, ein aufmerksamer Blick, eine beiläufige Geste der Rücksicht. Zwischen Glück und Getriebenheit, Selbstbehauptung und Verbundenheit suche ich nach Bildern, in denen sich die Gegenwart erkennen und befragen lässt. Ihre spätere Übertragung in Malerei oder Grafik führt diese Auseinandersetzung weiter: Aus dem flüchtigen Straßenmoment entsteht eine verdichtete Betrachtung darüber, wie wir leben, einander begegnen und welchen Raum wir anderen zugestehen.


Warum Webador heute für mich keine Wahl mehr wäre


Liebe Besucherinnen und Besucher,

Durch ein versehentliches Löschen sind auf dieser Webseite Fotos samt Titeln und ihrer bewusst gestalteten Anordnung verloren gegangen. Arbeit von Tagen und Wochen war innerhalb eines Augenblicks verschwunden. Leider musste ich diese ärgerliche Erfahrung mit Webador schon mehrfach machen.

Für mich als Fotograf und Grafiker gehört die Anordnung der Bilder zum Werk. Reihenfolge, Abstände und Titel schaffen Zusammenhänge, setzen Kontraste und bestimmen den Rhythmus der Betrachtung. Die Originalfotos erneut hochzuladen bedeutet deshalb noch lange nicht, die verlorene Gestaltung wiederherzustellen.

Von einem Homepage-Baukasten erwarte ich, dass er diese Arbeit zuverlässig schützt: durch klare Sicherheitsabfragen und eine unkomplizierte Möglichkeit, versehentliche Löschungen rückgängig zu machen. Nach meinen wiederholten Erfahrungen mit Webador empfinde ich diesen Schutz als unzureichend. Dass mir auf diese Weise schon mehrfach sorgfältig gestaltete Inhalte verloren gegangen sind, macht meinen Ärger umso größer.

Hinzu kommt mein zunehmender Unmut über die gestalterischen Grenzen des Systems. Ich möchte eine individuelle, unverwechselbare fotografische Webseite gestalten. Vorgefertigte Muster und KI-generierte Gestaltungsvorschläge ersetzen weder meinen eigenen Blick noch meine gestalterischen Entscheidungen.

Würde ich mich heute erneut für ein System entscheiden, wäre Webador für mich keine Wahl mehr. Ein Werkzeug muss meiner Arbeit dienen – und die Zeit, Sorgfalt und Eigenständigkeit respektieren, die darin stecken.


Und wenn wir die ganze Welt durchreisen, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.

(Ralph W. Emerson)